Kenia #3: Safari

23. Oktober 2018


Nach eineinhalb Monaten in Kibera ist es so weit: Die stinkenden Strassen werden verlassen und das Land wird erkundet! Bewaffnet mit Sonnencrème Schutzfaktor 50, Moskitospray und Bauchtäschchen sind die Profitouristen nicht mehr aufzuhalten.

Während zwei Wochen bereisen wir das riesige Land. Von Nairobi in die Savanne, übers gebirgige Hochland und dann an die dicht besiedelte Küste. Das Touriteam besteht aus meinem Freund Alex (dem Lindy Teacher aus Brüssel, der verrückt genug ist, um mich einen Monat lang im fernen Afrika zu besuchen), unserem Kumpel und Fahrer David, und mir.


Tierreich in der Savanne: Masai Mara. Die Safari beginnt in Kenias Savanne. Masai Mara ist wohl der beliebteste Nationalpark im ganzen Land, und das zu Grund: Hier findet man eine der höchsten Konzentrationen an wilden Tieren der Welt.

Der Weg ins Tierreich ist beschwerlich. Stundenlang kämpfte sich unser Minivan über holprigste Strassen. Ich wünschte mir die ganze Fahrt lang, ich hätte mich an diesem Morgen für einen Sport-BH entschieden. Aber die Fahrt war es wert. Noch am selben Abend genossen wir die ersten Stunden in dem riesigen Naturschutzgebiet. Mit Kiberas Halligalli im Hinterkopf schauten wir auf die unglaubliche Weite des Landes, füllten unsere Lungen mit (endlich!) frischer Luft und verabschiedeten uns von der Sonne, die langsam zwischen Zebras und rötlich schimmernden Akazienbäumen unterging.

Früh am nächsten Morgen machten wir uns auf Expeditionstour. Jeremy erzählte uns alles was er wusste über die verschiedenen Antilopen, Vögel, Affen und allerlei anderen Tiere, die uns auf dem Weg begegneten. Wir seien Glückspilze! Denn an nur einem Tag machten wir Bekanntschaft mit einer Bande von über zehn Löwen, einem Cheetah, einer Hyänen Gang, dem lang gesuchten Leoparden, an die hundert stinkfaulen Hippos, mit offenem Maul schlafenden Krokodilen, gleichzeitig elegant und ungeschickt wirkenden Giraffen, Büffelherden und sich küssenden Elefanten. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Zebras, Gnus und Gazellen, die den ganzen Tag lang durch die semiaride Landschaft grasen und darauf hoffen, nicht gefressen zu werden.

Das Tier, das uns zweifelsohne am meisten begegnete und das immer in riesengrossen Herden, war das Gnu. Das zottlige Wesen ist das lustigste Tier in ganz Masai Mara! Jeremy erklärte uns voller Mitleid: «Wir sagen, das Gnu wurde aus den Übrigbleibseln all der anderen Tiere geschaffen. Schaut es euch an: Den platten Kopf eines Ochsen, die strohige Frisur eines Pferdes, einen Ziegenbart, den schiefen Gang einer Hyäne,…» Die Vorstellung gefiel mir, und ich freute mich jedes Mal, wenn wir wieder ein paar Gnus antrafen.

Einer der aufregendsten Teile unserer Safari waren für mich die WC-Pausen. In Masai Mara gibt es nämlich keine WCs. Dank meiner (zu Jeremys grossem Schreck) sehr schwachen Blase mussten wir immer wieder anhalten und einen geeigneten Busch finden. Alex stellte sich dann jeweils neben mich und passte auf, dass mir kein Leopard ins Füdli biss.


Im Land der Masai. Der Name sagt es schon: Der Nationalpark liegt auf dem Boden der Masai Völker. Kenia hat 42 Ethnien. Die Luo, Luhya, Kikuyu und Kalenjin stellen den Grossteil der Bevölkerung dar und sind auch politisch dominant. Die Masai bilden weniger als 2 Prozent der Bevölkerung. Was erstaunlich ist, wenn man ihre Bekanntheit in Betracht zieht. Ich erinnere mich noch gut an den Geographie Unterricht, in dem wir das kleine Volk kennenlernten. Dass man die Masai weit über die Landesgrenzen hinaus kennt, liegt daran, dass sie zu den wenigen gehören, die bis heute ihren traditionellen Lebensstil beibehalten haben (natürlich nicht zu hundert Prozent, und natürlich auch nicht alle: Es ist wahrscheinlich schwierig, einen Masai ohne Mobiltelefon zu finden). Mit traditionellem Lebensstil sind zum Beispiel die Hütten gemeint, die nach wie vor aus Lehm (und manchmal Kuhdung) gebaut werden, die traditionelle Masai Kleidung aus meistens rot karierten Tüchern und Schmuck, die nomadische Lebensweise, die Viehhaltung oder die zahlreichen Rituale.

Wie man uns erzählt sind es die Masai Frauen, denen die meiste Arbeit zufällt. Zum Beispiel sind sie zuständig für den Bau und Erhalt der Häuser. Damit die Lehmhütten nicht auseinanderfallen, müssen sie ständig mit neuem Lehm beschmiert werden, und wenn es regnet sorgt man besser dafür, dass einem der Dreck nicht auf dem Kopf fällt. «Ich wäre gern ein Masai Mann», träumt Jeremy. «Dann würde meine Frau die ganze Arbeit machen.» Traditionell sind die Männer Krieger. Blutige Kriege zwischen den verschiedenen Völkern sind seltener geworden, können aber immer noch vorkommen. Meistens werde um Rinder gestritten. Sie sind die Lebensgrundlage des Nomadenvolks. Ausserdem wird oft eine ganze Horde Kühe als Brautpreis gefordert. Jeremy amüsiert sich: «Eine einzige Kuh wird manchmal an die fünf Mal hin und her gestohlen.»

Was man sich alles so erzählt und wie die Masai wirklich leben, davon haben wir keine Ahnung. Sicher ist nur, dass die Globalisierung selbst in den Lehmhütten angekommen ist. Trotz all der Bemühungen, den Traditionen treu zu bleiben, scheint es schwierig zu sein, der Modernität zu entkommen. Unter den Masaitüchern werden Jeans getragen, und das iPohne piepst in der Hosentasche. Die Regierung schränkt das wilde Land ein, und die Viehzucht scheint den meisten nicht mehr lukrativ genug zu sein. Viele ziehen in die Stadt und suchen dort ihr Glück. Bei denjenigen, die in traditioneller Kleidung ihre hüpfenden Tänze vor den Kameras aufführen, bin ich mir auch nicht so sicher, wie viel davon noch echt ist und wie viel die Show zu Verkaufszwecken dient. Mir kam es ein bisschen so vor, als wäre das Volk ein Teil der Touristenattraktion, ein erweiterter Teil der Must-See-Liste neben den «Big Five».


Flamingos am Lake Bogoria. Zurück über die Strasse des Grauens ging’s weiter in eine der grössten Städte, Nakuru, und von dort aus zum Lake Bogoria. Das Zuhause von den Tausenden Flamingos ist zu Fuss erkundbar. Nach den endlosen Stunden im Auto war es eine Wohltat, Vögel und Esel anstelle von Motoren und Hupen zu hören. Was man vom Geruch nicht unbedingt behaupten kann (ich weiss nicht warum, aber diese Flamingos stinken!). Es sei ihnen verziehen. Die pinken Vögel sind dafür sehr schön anzuschauen.

Ein weiteres Highlight am Lake Bogoria sind die Hot Springs. Zwischen ein paar Felsen am See sprudelt kochend heisses Wasser. Am Eingang zum Nationalpark kann man rohe Eier in einem Netzsäcken kaufen. Den Spass liessen wir uns nicht entgehen. Wir assen die am coolsten gekochten Eier unseres Lebens.


Die Goldesel der Thompson Falls. Nächster Halt: Thompson Falls. Wasserfälle stehen wohl auf dem Standardprogramm jeder mittelgrossen Reise. Die Chance der leicht idiotischen Touristen wird genutzt: Hier verdient man dicke Kohle! Von allen Seiten werden wir zugeschüttet von «I make you good price» für dies und das. Wir sind doof genug um einen Haufen unnützer Souvenirs zu kaufen (Alex liess sich ein viel zu grosses, wild gemustertes Giraffengilet aufschwätzen, das er für den Rest der Reise nicht mehr auszog). Und um unsere Doofheit zu krönen, liessen wir uns mit ein paar verkleideten Afrikanern fotografieren, die den gesamten Restinhalt unserer Portemonnaies einfordern.


Durchs zentrale Hochland. Mit leeren Portemonnaies geht unsere Reise weiter zum Mount Kenya, dem (nach dem Kilimanjaro) zweit höchsten Gipfel Afrikas. «Der Weg ist das Ziel», gehört zu unserem Reisemotto. Vom Auto aus beobachten wir die sich ständig verändernde Landschaft. Angefangen in der staubigen Grossstadt Nairobi über die grünbraune Savanne nähern wir uns langsam der Region des zentralen Hochlands, in der es grüner und grüner wird. Blumen- und Teeplantagen reihen sich aneinander. Rosen und Tee gehören zu den Hauptexportgütern des Landes. Als wir David nach den Arbeitsbedingungen auf den Plantagen fragen schüttelt er nur den Kopf.

Grün sind nicht nur die Wiesen und Bäume, sondern auch die meisten Häuser. Wenn das Haus nicht grün gestrichen ist, dann hängt da wenigstens ein grünes Schild, auf dem der kreative Name des Geschäfts steht. «Bless the work of my hands shop», «God is great salon», «Modern style prestige lady restaurant». Ob Hauswand oder Schild, etwas fehlt nie: Ein riesengrosser Schriftzug, «Safaricom». Der grösste Mobilfunkanbieter in Kenia. Das rote Alternativnetz «airtel» versinkt kümmerlich zwischen all den grünen Flächen. Safaricom bezahlt diejenigen, die ihr Haus zu einer Werbetafel machen. Diese Chance lässt man sich nicht entgehen. Ausserdem wurde die bargeldlose Zahlungsform M-Pesa, die von praktisch jedem im Land benutzt wird, von Safaricom ins Leben gerufen. Man kann sich nur vorstellen, wie einflussreich dieser Grosskonzern sein muss. Wenige Tage vergehen, an denen sie mir keine SMS schicken, in dem sie mir entweder etwas Tolles wünschen und das Geschenk des Tages verkünden, oder aber über die Englische Fussballliga informieren. So viele SMS habe ich wahrscheinlich noch nie von irgendjemandem bekommen. Danke Safaricom, ich fühle mich geschmeichelt.

Ab und zu machten wir einen kleinen Halt, um ein charmantes Plumpsklo zu benutzen oder etwas zu trinken. Zu den Standardgetränken gehören Tee und Dawa. «Tee» heisst hierzulande überzuckerte Milch, in der ein paar Teeblätter gekocht werden. «Black Tea» ist nur für die Harten. Dawa hingegen ist ein Getränk, das Tote erweckt. In Kiswahili heisst der Name so viel wie «Medizin». Die Mischung aus Ingwer, Zitrone, Honig und Knoblauch schmeckt ganz gut, so lange mit dem Knoblauch nicht übertrieben wird.

Einmal machten wir Halt auf einer Range. Dort wurden wir so richtig auf die Probe gestellt. Als der Kellner mit unserem Dawa ankam, lag der verräterische Duft schon in der Luft. Dieses Mal war die Knoblauchdosis definitiv nichts für Anfänger. Nach einem halben Glas verabschiedete sich Alex auf’s Klo. Er war sich sicher, er würde noch an diesem Tag an einer akuten Knoblauchvergiftung sterben.


Mount Kenya und stille Örtchen. Ich glaube nicht wirklich, dass es der Knoblauch war, aber auf jeden Fall bekam der arme Junge nichts mehr mit vom Mount Kenya. Während ich mit David herumwanderte, widmete er sich ausgiebig dem WC unseres improvisierten Tankstellenhotels.

Auch David und ich machten nur eine Weicheiertour, da mich die letzten Tage ein Fieber plagte (nichts Schlimmes, nur eine Erkältung). Wir fingen im Halbdschungel an zu laufen, zwischen Affen, Vögeln und Zebras. Alle paar hundert Meter sah es wieder anders aus. Umso höher wir kamen, desto karger wurde es. Und kälter! Schlotternd bahnten wir uns unseren Weg zwischen Kakteen und anderem interessanten Gewächs hindurch. Ich hatte David versichert, ich sei ein knallharter Wandervogel. Er lachte mich ein bisschen aus, als ich ihn auf halber Strecke bat umzukehren, weil mir seit Stunden der Kopf dröhnte und ich nicht noch kränker werden wollte. «Solche Waschlappen!», musste er sich denken.


Der chinesische Zug nach Mombasa. Halb lebendig machten wir uns nach einer Woche zurück nach Nairobi, um von dort aus an die Küste weiterzureisen. Erst letztes Jahr wurde von den in Afrika omnipräsenten Chinesen eine Eisenbahnlinie von Nairobi nach Mombasa errichtet. In nur fünf Stunden kann man jetzt von der Hauptstadt zur Küste reisen (vielleicht hört sich das nach viel an, aber es ist nichts im Vergleich zu den endlosen Stunden im Autoverkehr). Der Bahnhof ist ein Spektakel. Eigentlich sieht er nicht wirklich aus wie ein Bahnhof, sondern eher wie ein hochmoderner Flughafen. Wir wurden gebeten, mindestens eine Stunde vor Abfahrt dort zu sein, und die zahlreichen Security Checks liessen jeden Flughafen dumm dastehen. Zuerst müssen sich die Passagiere in einer Reihe vor dem Gepäck aufstellen und sich nicht bewegen, bis nicht jeder einzelne von zwei Hunden abgeschnüffelt wurde. Dann geht’s weiter mit den üblichen Sicherheitsmassnahmen, aber auch hier alles Mal drei. Und das alles für die eine Linie, auf der nur zweimal am Tag ein Zug mit Passagieren fährt.

Mit unserem Zweitklassenticket für 10 Dollar fuhren wir eigentlich ganz gemütlich. Bis auf Alex, der sich seinen Sitz mit einer sehr grosshüftigen Mama teilte und deshalb während den ganzen fünf Stunden mit einer Pobacke in der Luft schwebte.

Die Zugreise ist wie eine Safari. Die Eisenbahngleise durchqueren die Nationalparks Tsavo East und Tsavo West. Vom Fenster aus beobachteten wir ganze Elefantenfamilien auf Wanderschaft und zahlreiche andere Tiere, die in den Sonnenuntergang hineinspazierten. Bei diesem Anblick überkam mich eine grosse Welle Dankbarkeit. Ich stiess einen kleinen Freudenschrei aus, als wir zu allem Überfluss auch noch einen Blick nach Tansania, auf den verschneiten Gipfel des Kilimanjaro bekamen.


Multikulti an der Küste. Kopftücher, indische Saris, afrikanische Gewänder… In Mombasa erwartet uns ein wildes Gemisch an Leuten, Religionen, Gebäuden und Stoffen. Die Küstenregion ist hauptsächlich muslimisch, und die Architektur ist die der Swahili. Aber auch indische Einflüsse machen sich überall bemerkbar, gemischt mit afrikanischen Bräuchen. So reihen sich Moscheen an Shiva-Tempel, Kirchen an Märkte und alte Swahili-Häuser. Auf einer kleinen Tour durch die wirren Gassen der Altstadt erzählt uns ein älterer Herr von der Geschichte der zweitgrössten Stadt Kenias, von ersten Eroberungen über Sklavenhandel und Fussballfans. Von früheren Touristen hatte er ein bisschen Schweizerdeutsch gelernt. So führte er uns in den einen oder anderen Laden und sagte stolz: «Luege chostet nüt!».

Ein Tuktuk (eine gelbe Kiste auf drei Rädern) brachte uns zum Stadtmarkt. Noch nicht einmal ausgestiegen, klebte sich schon der nächste gut alkoholisierte Guide an unsere Fersen. Erfolglos versuchten wir ihn abzuwimmeln. Der mittelmässig professionelle Touristenführer zeigte uns Früchte, Gemüse und Gewürze und tat so, als wüsste er etwas darüber. «Das ist eine Banane. Und das hier, das nennen wir Chili.» Erst nach schwersten Bemühungen, ein paar Schilling und einem Haufen Nerven gelang es uns, den Gemüseexperten abzuschütteln.

Der Kern der wichtigsten Hafenstadt Ostafrikas liegt auf einer Insel. Um aufs Festland zu gelangen, wo die bekannten weissen Sandstrände Tiwi oder Diani Beach liegen, nimmt man die Likoni Fähre. Für Fusspassagiere ist diese gratis, und transportiert dementsprechende Menschenmassen. Leuten mit leicht klaustrophobischen Ängsten sind von dieser Fähre abzuraten. Ansonsten ist es auf jeden Fall ein Erlebnis wert!


Letzte Runde. Nach diesen zwei eindrücklichen Wochen durch die verschiedensten Regionen Kenias reisen wir zurück nach Nairobi. Es fühlt sich komisch an, von der teuren Touristenwelt wieder nach Kibera zurückzukehren. Vor unserer Reise hatten Alex und ich zusammen zwei Wochen hier verbracht, aber nach einem ganzen Monat unbezahltem Urlaub erwartet ihn jetzt wieder sein Stollen in Belgien. Für mich gibt es nochmal einen knappen Monat Kibera. Mit neu aufgetankten Kräften halte wieder ein wenig die Luft an für die letzte Runde!