Kenia #2: Kiberas kreative Köpfe

Kibera, 15. Oktober 2018


Nach fast einem Monat finde ich meine kleine wellblechhüttenübersäte Strasse schon viel sympathischer als anfangs. Sobald unser knirschendes Eisentor geöffnet wird, springt die Nachbarin Mama Sunday aus ihren Startlöchern und wünscht einen wunderschönen Tag. Bei dem aus Holz gebastelten Kiosk an der Ecke wird gegrüsst und mindestens fünf Mal gefragt, wie es einem heute geht. Und so geht es weiter, die ganze Strasse lang. Auch die Strassenverkäufer scheinen mich langsam zu kennen, denn ich bekomme meine Avocado mittlerweile für ganz normale 20 Bobs.

Aus Kibera habe ich es bisher kaum herausgeschafft. Einmal, an einem Sonntag, haben Mary und ich ein paar Cousins von ihr ausserhalb Nairobis besucht. Dazu mussten wir zuerst mit einem Matatu in die Stadt fahren und dort zehn Minuten laufen, um ins nächste Gefährt umzusteigen. Das war mein erster Ausflug nach Nairobi. Man hatte mir die Hauptstadt als sehr chaotisch und nicht sehr sicher beschrieben. Ich kann beides bestätigen. Es wuselte nur so von Menschen, die von einem Ort zum anderen rannten, die Bibeln, Korane oder sonst kuriose spirituelle Dienste anboten. Leute die Essen, gebrauchte Schuhe oder Handys verkauften, und eine Menge Autos, von denen man sich sicher war, dass sie eigentlich jede Sekunde zusammenstossen müssten. Obwohl ich meine Tasche unter den Arm zwischen Mary und mich geklemmt hatte, war mein Muzungugesicht anscheinend anziehend genug für Kleinkriminelle. Ohne dass ich es merkte, schnitt jemand meine Tasche auf. Die ersten 10 Minuten in Nairobi, und schon versuchte man mir mein Zeug zu klauen! Zum Glück nicht erfolgreich: Alles war noch da. «Ich hab dir doch gesagt, Nairobi ist gefährlicher als Kibera.», sagte Mary. «Hier sind zu viele Menschen, und jeder ist anonym. Nicht wie in Kibera, dort kennt man sich.» Das hört sich komisch an, aber erst als wir wieder im Slum ankamen, zwischen der gewohnten roten Erde, Blech und Müll, begann ich mich wieder sicherer zu fühlen.


Zum Thema Müll

Das Stück Ananas, das wir auf der Strasse kaufen, kommt in einem Plastiksack. Die Wassermelone auch. Der Kaugummi einzeln verpackt in einem winzigen Plastiktütchen, genau wie die Milch oder das Waschmittel. Kleiner ist billiger, jedenfalls für den Moment. Kleiner und einzeln heisst aber auch jede Menge Verpackung. Und das macht sich auf den Strassen Kiberas bemerkbar. Der Kaugummi landet im Mund, die Tüte auf dem Boden. Jedes Mal, ohne mit der Wimper zu zucken. Ab und zu wird alles zur Seite gekehrt, zu den Müllbergen in den ehemaligen Flüssen. «Als Kinder schwammen wir darin», sagt Simon und schaut halb traurig, halb lachend auf das schwarzgrüne Rinnsal. Was heute darin schwimmt sind Abfälle aller Art: Fleischreste, einzelne Kinderschuhe, Petflaschen... Der Geruch tut sein Bestes, dass Badeideen weit, weit wegbleiben.

Müllentsorgung im Slum scheint auf der staatlichen Prioritätenliste ziemlich weit hinten zu stehen. Das Thema Recycling lassen wir besser weg. Ich wunderte mich schon, wo denn unser Hausmüll immer hin verschwindet, bis ich sah, wie Mary hinter unserem Haus ein Walpurgisnacht ähnliches Feuer entflammte und unsere ganzen Abfälle hineinwa r f. Erstaunlicherweise war es nicht einmal der Geruch, der mich darauf aufmerksam gemacht hatte. Rauch und Abfallgerüche sind so alltäglich, dass es mir wahrscheinlich eher auffiele, wenn es mal nicht danach riechen würde.

Plastikmüll ist ein anerkanntes Problem in Kenia. Seit 2017 sind hier Plastiktüten verboten, wie auch in einigen anderen afrikanischen Ländern. Alternativ sollen Tüten aus abbaubaren Mikrofasern benutzt werden. Sobald man mit dem Flugzeug auf kenianischem Grund ankommt, lautet die Durchsage : «Lasst eure Plastiksäcke im Flugzeug. Hier herrscht Plastiktütenimportverbot.» Wirklich auffallen tut einem das noch nicht, wenn man auf den lokalen Märkten einkauft, aber wie man hier so schön sagt: «Pole pole». Langsam, langsam. Litlle bylittle.


Geschäftsideen

Kiberas Unternehmer übertreffen sich gegenseitig an Kreativität. Ein Shop beschränkt sich selten auf eine Art Waren. Wie langweilig wäre ein reiner Schuhladen! Wieso sollte man sich auf ein paar Schlarpen beschränken, wenn man gleichzeitig Putzmittel, Bücher, Zahnpasta, Autoreifen und Geburtstagstorten verkaufen kann?

Mein Lieblingskonzept ist aber das des «Milk ATM’s»: Eine grosse Kiste, die so etwa wie ein Bankomat funktioniert. Nur eben, dass kein Geld, sondern Milch herauskommt. Man wirft ein paar Münzen ein und stellt seine leere Flasche unter den Zapfhahn. Dort kommt die «frische » Milch heraus, quasi wie direkt ab der Kuh. Eine Alternative zur herkömmlichen Form des Milchverkaufs: An jedem Kiosk oder Schuhladen erhältlich in kleinen Plastikbeuteln, haltbar bei 40 Grad, für immer und ewig.

Auf so mancher Kiosktheke klebt der Aufspruch: «Don’t mix friendship with business!». Das Geschäft wird ernst genommen.

Bezahlt wird natürlich nicht mit einer Kreditkarte (Mary wusste nicht einmal von dessen Existenz), sondern entweder mit ein paar braunen, fast auseinanderfallenden Scheinen oder mit M-pesa. M-pesa ist eine Form von Bezahlung, die über’s Mobiltelefon funktioniert. Auf diese Weise kann innert weniger Minuten ein Betrag überwiesen werden, indem die Handynummer des Empfängers angegeben wird. Dieser kann sein Geld dann an irgendeinem Kiosk abholen. Er muss dazu nur die Nummer des Agenten (des Kioskbesitzers), die an der Theke klebt, in sein Gerät eintippen und bei ihm den Betrag einfordern. Das Telefon wird so zu einer Art Bankkonto, ohne dass zusätzliche Kontokosten anfallen.


Familiengeschichten

Da unser Wohnzimmer nicht wirklich einen Tisch hat, essen Mary und ich unseren Maisbrei meistens am Boden. Dort sitzen wir und erzählen uns Geschichten. Letztens schauten wir uns die Fotos an der Wand an: Ein altes schwarzweiss Porträt von Mama Otto und daneben ein Hochzeitsfoto. Die Nase des Bräutigams verriet, dass es sich um Ottos Papa handeln musste. «Er hatte Aids.», erzählte Mary. Aus dem Wandschrank holte sie die Tabletten, die Mama Otto täglich schlucken muss. Sie hat bis heute überlebt, er nicht. «Du erinnerst dich an Rita?», fragte Mary. Rita ist so etwas wie eine Cousine, oder eine Schwester. Eigentlich Ottos Adoptivschwester. Auch ihre Eltern waren HIV +, auch sie sind gestorben, als Rita und ihre Geschwister noch ganz klein waren. Das ist bei weitem kein Einzelfall. In Kenia sind an die 1,7 Mio. Menschen HIV + (die Angaben variieren je nach Quelle), davon geschätzte zwanzig Prozent allein in Kibera (auch hier handelt es sich nur um angenäherte Schätzungen). Rita ging es so wie vielen Kindern ohne Eltern: Sie wurde von Haus zu Haus geschoben, von Familie zu Familie. «Ich fühle mich nirgends zugehörig.», hatte sie mir erzählt, als sie letzte Woche zu Besuch war. «Wenn dich eine Familie aufnimmt, lässt sie dich jeden Tag spüren, dass dein Mund einer zu viel ist. Ich will sobald wie möglich meine eigene Familie, damit ich endlich weiss, wo ich hingehöre.»

Wie gesagt, Rita ist bei weitem kein Einzelfall. Durch die Künstlerprofile, bei denen ich bei Kica zuständig bin, erzählt mir jeder ein bisschen etwas aus seinem Leben. Ich erinnere mich nicht, jemanden interviewt zu haben, der nicht mindestens ein nahes Familienmitglied verloren hat. Die Geschichten, die hier geschrieben werden, scheinen unvorstellbar. Was noch unvorstellbarer ist, ist wie damit umgegangen wird: Das Leben geht einfach weiter. Wenn ich daran denke, was bei uns für ein Theater gemacht wird, wenn das Essen im Restaurant nicht perfekt serviert wird, jemand dieselben Kleider gekauft hat oder eine Party nicht so lustig war, dann erscheint plötzlich so vieles absurd. Gleichzeitig empfinde ich einen tiefen Respekt für all die Menschen, die hier trotz schweren Lasten auf den Schultern tagtäglich aufstehen und ihr Leben meistern.

«Die Suizidrate in Kibera ist praktisch gleich null», erzählt mir Mammito. Sie ist eine Komödiantin bei Churchill, der grössten Comedy Plattform Kenias. «Wer hat schon die Zeit, sich umzubringen? Sobald du dein Seil aufhängst, kommt der Nachbar und fragt dich nach Zucker oder sonst was! ‘Hey Mann, ich war gerade dabei mich zu erhängen’, sagst du zu ihm. ‘Okay, okay, aber hilf mir zuerst mit dem Zucker’, wird er dir antworten. Für sowas hast du hier einfach keine Zeit.»


Relativierte Faltentragik

Ich weiss nicht mehr genau, wie wir auf das Thema gekommen sind, aber einmal hatte ich ein Gespräch über Schönheitsideale mit einem Mädchen aus dem Slum. Ich habe ihr erzählt, dass bei uns so etwas wie ein Magertrend herrscht. Und dass sich manche Menschen in Europa und anderswo auf der Welt Botox ins Gesicht spritzen, weil sie sich mit Falten auf der Stirn nicht gefallen. Kein Wunder, dass das Mädchen baff war. «Wie toll wäre es, wenn Menschen hier so alt werden könnten, dass sie eine Menge Falten bekämen!». Ausserdem amüsierte sie sich: «Ihr Muzungus seid so lustig! Ich glaube, ihr habt einfach keine wirklichen Probleme. Dann denkt ihr, ihr müsst euch welche suchen.» Damit hat sie wohl nicht so Unrecht. Probleme sind relativ. Wenn alles stimmt, dann fängt man an, im Detail nach Fehlern zu suchen. Und gleichzeitig subjektiv: Wenn man unter etwas leidet, dann ist es wahrscheinlich unwichtig, welchen Stellenwert das «Problem» für andere hätte, solange man es selbst als gross genug empfindet. Klugscheisserei hin oder her: So bedrückend es ist, all diese Lebensgeschichten zu hören, so hilft es auf eine Art auch, die eigenen Sorgen zu relativieren und sich einmal mehr glücklich zu schätzen. Selbst für Falten, ein Bäuchlein oder was auch immer.


Candle light Dinner

Die Nächte hier werden immer romantischer. Diese Woche passierte es schon drei Mal, dass wir abends am Boden auf der schwarz gekachelten Plastikfolie im Wohnzimmer hockten und von einer Sekunde auf die nächste im Dunkeln sassen. «Oh nein, nicht schon wieder.», kommt dann ein Seufzer von irgendwo aus dem Zimmer. Die Kerzen werden aus dem Schrank geholt und wir bekräftigen uns gegenseitig, dass der Strom am nächsten Tag wohl wieder da sein wird.

An der täglichen Wascheinheit ändert der fehlende Strom nicht viel: Das Kabäuschen, in dem der Kübel steht, hat ohnehin kein Licht. Dort kommt meine Taschenlampe zum Einsatz. Und der Gaskocher, auf dem das Wasser gewärmt wird, braucht zum Glück auch keine Elektrizität.

An diesen Abenden gehen wir früh zu Bett. Mein Zimmer ist nicht weit weg von der Küche. Das heisst, ich liege noch eine Weile in dem Gestell, das in seiner durchhängenden Form mehr einer Hängematte als einem Bett gleicht und höre unserer Hausmaus zu, die sich im Mülleimer austobt und vielleicht sogar zu dem afrikanischen Discosound draussen tanzt. Immerhin bin ich meistens müde genug, dass mich der Muezzin der Nachbarmoschee, der um fünf Uhr morgens sein Ständchen singt, nicht aufweckt. Die Eindrücke sind jeden Tag so intensiv, dass mir die 9- 10 Stunden Schlaf gerade mal wie ein tiefer Powernap vorkommen.


Gold in gelben Kübeln

Seit zwei Wochen ist nicht nur der Strom in Ferienmodus, sondern auch das Wasser. Anfangs tröpfelte es noch ein wenig, wenn man den Wasserhahn über dem halb zerbrochenen Lavabo aufdrehte. Jetzt kommt da nichts mehr, ausser ein paar Kakerlaken. Seit zwei Wochen tun wir also das, worauf die meisten Bewohner Kiberas ohnehin angewiesen sind: Wasser kaufen. Das kostbare Gut kommt in gelben Kübeln auf einem Karren daher, durch die Strassen geschoben von ein paar mageren Jungs. Jeder Kübel beinhaltet 20 Liter und wird für 20 Shilling verkauft. Wenn das Geld knapp ist, überlegt man sich zweimal, wie oft man seine Kleider wäscht und wie viel Wasser man zum Duschen braucht.

Wenn ich das richtig verstanden habe, kommt das Wasser aus einer grossen Hauptleitung, die das Militär unter Kontrolle hat (das weiss ich nur aus Erzählungen, die immer wieder ein bisschen anders aussehen). Daher kommt auch unser Trinkwasser: Von den gelben Kübeln leeren wir das Wasser um in einen Topf und bringen es über dem Gasherd zum Kochen. Der Plastikgeschmack ist schwer zu vermeiden, aber immerhin bin ich noch nicht krank geworden. (Wer’s genau wissen will: Ich bin stolz zu verkünden, dass ich den ganzen Monat noch nicht mal einen Anflug von Durchfall verspürt habe!) Mittlerweile gönne ich mir öfters Mal ein geschmacksneutrales Wässerchen aus dem Supermarkt.


Neues von «Kibera Creative Arts»

Drei Tage unter der Woche verbringe ich in Kicas ‘Made in Kibera Studio’ im «Deep Down Ghetto» wie sie es nennen, manchmal auch das Wochenende. Zwei Wochentage werden ‘One Fine Day’ gewidmet. Die Prophezeiung, dass mir langweilig werden könnte, ist ganz und gar nicht eingetroffen. Die Erneuerung der Website und die Aufgabe der Künstlerprofile geben jede Menge zu tun (wer schon einmal eine Audioaufnahme transkribiert hat, kann sich d esse n Zeitaufwand in etwa vorstellen). Aber es macht nach wie vor Spass, mich mit den Geschichten derSlumkünstler auseinanderzusetzen.

Mithilfe eines kleinen Fragebogens und dem Audiorekorder auf meinem Telefon versuche ich, die verschiedenen Mitglieder des Kicateams zu porträtieren. Einige erzählen viel, anderen muss ich mehr aus der Nase ziehen. Es ist nicht ganz leicht, zu wissen, was ich fragen darf und was nicht. Ich will niemandem auf die Füsse treten oder in alten Wunden graben, obwohl ich zugeben muss, dass die tragischen Geschichten natürlich interessant sind. Deshalb versuche ich irgendwie, die Fragen so zu formulieren, dass die Befragten selbst entscheiden können, was sie erzählen wollen und was nicht (eine Gratwanderung!). Der Schwerpunkt wird dabei auf ihr künstlerisches Talent gelegt. Auf die Frage nach Zukunftserwartungen war die Antwort bisher ausnahmslos: «Ich erwarte eine grossartige Zukunft!». Eine Antwort, die mich gleichzeitig zum Lächeln bringt und andererseits irgendwie traurig macht, weil ich mir schwer vorstellen kann, dass es wirklich das ist, was ihnen bevorsteht.

Letzte Woche ist ein Mitglied des Teams gestorben. Denno war sein Name. Ich kannte ihn nicht, weil er schon im Krankenhaus lag, als ich zum ersten Mal bei Kica war. Woran er gestorben war, konnte mir keiner so genau sagen. Was ich aber erfuhr, war, wie gross die finanzielle Last für die Angehörigen ausfiel. Der Körper muss zuerst nämlich in einem Leichenhaus aufbewahrt werden, was jeden Tag etwas kostet. Dann muss der Sarg bezahlt werden, und das Teuerste an allem: Die meisten Bewohner Kiberas kommen ursprünglich von irgendeinem Dorf auf dem Land, weit weg von Nairobi. Die Bestattung wird im Heimatsort abgehalten, und der Leichentransport dorthin treibt die Familie fast in den Ruin. Als wäre der Verlust eines Familienmitglieds nicht schon Last genug. Um die Familie zu unterstützen und Denno eine letzte Ehre zu erweisen, wurden ihm die ganze Woche lang verschiedenste Konzerte und Fundraisings gewidmet, bis der Betrag für seine Beerdigung zusammen war. Letzten Sonntag durfte ich dabei sein, wie sich an die Hundert Menschen auf der Strasse vor dem Studio versammelten und von morgens bis abends zuschauten, wie pausenlos und von verschiedensten Leuten etwas dargeboten wurde: Einer rappte seinen neusten Song vor, der andere trug eine aus Bierdeckeln gebastelte Hose und riss ein paar Witze, das Tanzteam gab seine Moves zum Besten... Und immer wieder wurde an Denno erinnert und aufgefordert, für seine Familie zusammenzustehen. Die Energie und Solidarität an diesem Tag brachten die eine oder andere Gänsehaut.


Ein Arbeitsweg wie kein anderer

Jeder Tag bei Kica ist ein Abenteuer. Angefangen mit dem Weg: Zuerst zur Einstimmung eine Viertelstunde mit dem Matatu, bis ich durchgeschüttelt und halb taub bei der Station «DC» ankomme. Dort holt mich jemand ab, immer irgendwer anders des Kica Teams. Der Auserwählte des Tages begleitet mich eine weitere Viertelstunde lang zu Fuss durch die schlammige Müllhalde, zwischen Lehmhäusern, Feuerstellen und Wäscheleinen voller nasser Lumpen, die einem hin und wieder ins Gesicht klatschen, bis wir endlich das Studio erreichen. Dort angekommen fängt es eigentlich erst richtig an, und meine sieben Sinne sind schon fünfzehn Mal überfordert.

Der lange Weg in das «Deep Ghetto» hinein führt anfangt über ein paar hundert Meter lang über eine weite, rote Erdfläche. «Hier standen vor ein paar Wochen noch überall Häuser», erzählen meine Bodyguards immer wieder. «Eines Morgens klopfte die Regierung an der Tür und sagte: ‘Wir bauen hier eine Strasse. Das Ghetto wird plattgemacht, am Montag wird angefangen. Wenn ihr dann noch da seid, ist das euer Problem.’» Reihan, ein Mädchen, das mich oft begleitet, wohnte in einem dieser Häuser. Hunderte von Menschen verloren von einem Tag auf den anderen ihr Zuhause und mussten irgendwo bei Verwandten oder Bekannten im Slum Unterkunft finden. Entschädigung gab es dafür fast keine, und auch nur für diejenigen, die offiziell als Hausbesitzer ausgemacht werden konnten (was nicht wirklich oft vorkommt). Die Landeigentumsrechte sind nicht dieselben in ganz Kibera. Auf der Seite, auf der wir wohnen, siedelten einst die Nubier. Das Land gehörte ihnen, und über die vielen Jahre blieben ihre Eigentumsrechte erhalten. Die Bewohner dieser Seite des Slums können also Land und Häuser kaufen und selbst darüber bestimmen. (Kurze Anmerkung: Ich habe keinen blassen Schimmer von Recht und entschuldige mich aufrichtig, falls irgendeinem Rechtler bei meiner Beschreibung die Haare zu Berge stehen.) Auf der anderen Seite, der Seite auf der Kicas Studio steht, gehört das Land dem Staat. Je nach Lust und Laune kann dieser also jederzeit bestimme n, die Häuser auf diesem Grund platt zu machen und irgendetwas Tolles zu bauen. Was mit den Leuten passiert, steht in den Sternen.

Wie es die Absurdität will, grenzt dieser Weg durch einen der elendesten Teile des Slums an den königlichen Golfplatz. Eine hohe Mauer trennt die überbesiedelte Müllhalde von der ewig grünen Wiese, über die hin und wieder ein gut gekleideter Weisser seinen Golfcart schiebt. Die Mauer trennt Welten. Wer oder was bestimmt, wer auf der grünen Wiese und wer auf der Müllhalde spaziert?


Im Chapati Tempel

Wenn mittags der Magen knurrt, machen wir einen Abstecher in den Chapati Tempel. Das ist ein keine zehn Quadratmeter grosses dunkles Kabäuschen neben Kicas Musikstudio. Auf den schmalen Holzbänken drücken sich an die fünfzehn Leute aneinander und schmatze n mit grossem Appetit. Die Mama, die sich auch noch irgendwie zwischen den Bänken hinter ihr kleines Feuer drängt, serviert aus grossen Töpfen den ganzen Haufen Leute. Für vierzig Rappen bekomme ich hier mein kenianisches Lieblingsessen: Chapati (indische Brotfladen) mit Bohnen, Sukuma wiki und Dengu (grünen Linsen). Nur, weil ich kein Fleisch bestelle, heisst das nicht, dass ich keins abbekomme: Die knorpelkauenden Fleischfiesler rund um mich herum essen mit solcher Inbrunst, dass ihre Köstlichkeiten in alle Richtungen spritzen und nicht nur auf meiner Hose und meinem Teller landen, sondern auch regelmässig mitten im Gesicht.


Neues von «One Fine Day»

Bei One Fine Day sind Teacher Kades und ich zurzeit damit beschäftigt, die Montags- und Mittwochsklassen mit Geschichten zu versorgen. Wir haben uns auf Themenblöcke mit verschiedenen Arten von Geschichten geeinigt. Block 1: Märchen. In kleinen Gruppen lassen wir die Kinder sich gegenseitig den Froschkönig, Rapunzel und anderes vorlesen. Dann erfinden sie zusammen ihre eigenen Märchen und erzählen sie der Klasse. Kinderfantasie ist unglaublich! Um nicht nur Deutsches Zeug zu lesen, fangen wir nächste Woche an mit Afrikanischen Kurzgeschichten.

Die Schulen, in denen One Fine Day seine Kunstkurse anbietet sind beide in zehnminütiger Laufdistanz. Verglichen mit den Tagen bei Kica sind die Creative Writing Kurse eine wahrhaftige Erholung. Daran ändert nicht einmal der Regen im Klassenzimmer etwas.

Die Kinder scheinen es lustig zu finden, ein unbeholfenes, rosarotes Wesen in ihrer Nähe zu haben. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen ist es, meine gesegnete Armbehaarung zu inspizieren. Da können sie lachen! Auch die spitzige Nase ist immer wieder ein Objekt der Faszination. Es ist auch schon vorgekommen, dass sie mir mitten auf der Strasse Komplimente einbringt: «Hey Muzungu, I like your nose!». Ich weiss nicht, ob ich mich geschmeichelt oder verarscht fühlen soll, aber ich beschliesse einfach, mich für die Version «geschmeichelt» zu entscheiden.


Raus aus Kibera!

Die Eindrücke sind nach wie vor überwältigend. Die Gemütslage schwankt zwischen Dankbarkeit für meine eigenen Chancen und Bedrückung beim Anblick dieser unvorstellbaren Ungleichheit. Ich kann mich nicht einmal über die unkomfortablen Umstände beschweren, weil ich weiss, dass ich, im Gegensatz zu den Menschen, die hier leben, jederzeit wieder in mein kleines bergiges Land zurückkehren kann, in dem jeder eine Dusche hat und keiner an Durchfall sterben muss.

Ausserdem steht bald ein super Reiseprogramm an! Seit ein paar Tagen habe ich hohen Besuch aus Belgien, der mich während zwei Wochen durch das halbe Land begleiten wird. Ich freue mich, endlich etwas von Kenia zu sehen, das ausserhalb von Kibera liegt. Die Vorstellung von etwas Grünem, oder etwa blauem Wasser, machen die Vorfreude riesig. Mehr zu unserer Reise in Bericht Nr. 3!