Mosambik #1: Aus dem vierten Stock in Maputo

Maputo, 3. März 2020


Den allerersten Eindruck von Mosambik erhielt ich vom Fensterchen des Flugzeugs aus. Meine Augen klebten regelrecht an der Scheibe, als der Kapitän die Landung ankündigte. Nach der langen Nacht konnte ich kaum stillsitzen vor lauter Neugier und Vorfreude auf das Land, in dem ich nun drei Monate lang verbringen würde. Ewig weite, unberührte Grünflächen und Flusslandschaften waren das Erste, was ich sah. Als Kontrast zu den menschenleeren Feldern flogen wir kurz vor der Landung über die Dächer der bairros, Maputos dicht besiedelten informellen Wohnsiedlungen mit ihren bunten Wänden aus Blech.


«Bem-vindos em Moçambique!», werden wir herzlich willkommen geheissen, und die feucht-warme Luft klatscht uns zur Begrüssung ins Gesicht.

Senhor Pinto, der motorista meiner Partnerorganisation, erwartet mich mit einem Schild, auf dem mein Name steht und einem breiten, warmherzigen Lächeln. Wie er mir sogleich erzählt, ist er schon mehrfacher Ur-Opa. «Und wie viele Kinder hast du?», will er von mir wissen.

Vor meinem neuen Zuhause lädt er mich ab.



Meine Wohnung liegt mitten in Maputo, irgendwo im vierten Stock. Aus dem Fenster schauen mir heruntergekommene, aber charmante Bauten entgegen, und zwischen den Fassaden der Indische Ozean. Das Hupkonzert dröhnt von unten zu uns hoch. Ich interpretiere es als meine ganz persönliche Willkommens-Symphonie.

Unten am Hauseingang steht unser Mann der segurança, der aufpasst, dass sich keine unerwünschten Gäste ins Haus schleichen. Er stellt sich als Alberto vor und erklärt mir, wie ich mich in dieser Stadt zurechtfinde. Ich könne mich fast nicht verlaufen, meint er (da kennt er mich schlecht!). Maputos Zentrum hält sich an das Prinzip von Parallelstrassen. Unser Block liegt an der Kreuzung zweier Hauptstrassen: der Avenida Lenine (Gruss vom Kommunismus) und der Avenida Eduardo Mondlane (zur Ehre eines nationalen Freiheitskämpfers).


Hierzu eine kleine Geschichtsstunde: Mosambik ist erst seit 1975 ein unabhängiger Staat, nachdem das Land Jahrhunderte lang unter portugiesischer Kolonialherrschaft lag. Die Unabhängigkeit wurde von der marxistisch-leninistischen Partei Frelimo erkämpft, die bis heute die mächtigste (und einzig ernst zu nehmende) politische Partei darstellt. Angefochten wurde FrelimosRegierung bisher nur von der Oppositionspartei Renamo, wodurch ein 16-jähriger Bürgerkrieg entstand. Seit 1992 herrscht Frieden, wobei gesagt sein muss, dass das Land stark unter dem jahrelangen Krieg gelitten hat.


Mosambik - ein armes Land? Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt hier unter der Armutsgrenze von 1.90 USD am Tag. Gemessen am Human Development Index (HDI) und dem Pro-Kopf-Einkommen gehört Mosambik zu den 10 ärmsten Ländern der Welt. Was aber definitiv nicht bedeutet, dass das Land in allen Bereichen als arm oder unterentwickelt bezeichnet werden kann. Schon die ersten Eindrücke genügen, um zu erkennen, dass Mosambik sowohl in seiner Natur als auch kulturell enorme Reichtümer bereithält.


Euphorisch erkunde ich die Strassen. Das Stadtbild ist von alten Kolonialhäusern und Art-Déco-Bauten geprägt und hat einen unerklärlichen Charme. Ein bisschen erinnert es mich an eine Ruine, aber ganz im romantischen Sinn! Die Farbe blättert von den Mauern ab und aus den Rissen in der Strasse wachsen Bäume. Akazien mit roten Blüten dekorieren die Fussgängerwege, zusammen mit anderen Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe. Und zwischen all den Häusern und Bäumen blitzt immer mal wieder ein kleines Stück vom Ozean auf. Leider muss ich hin und wieder dafür büssen, zu fasziniert in der Gegend herumzuschauen. Die Löcher in den Fussgängerwegen haben es in sich! Man kann gar nicht überall gleichzeitig hinsehen. Konzentriert man sich auf den Boden, tropft einem wieder von oben eine alte Klimaanlage auf den Kopf. Eine weitere Herausforderung ist der Verkehr. Ein paar Mal schon wurde ich fast überfahren. Wieso zum Teufel fährt man hier links?! Sogar auf dem Fussgängerweg hatte ich ein paar Beinah-Crashs, weil ich nach rechts ausweichen wollte und mein Gegenüber nach links. Ich bin verwirrt, schliesslich sind wir hier nicht in einer ehemals englischen Kolonie. «Aber Nachbarn von Ländern mit englischen Einflüssen wie Südafrika», wird mir erklärt.


Am Strassenrand wird Schach gespielt: Auf bemalten Kartons, mit Flaschendeckeln als Spielfiguren. Es gefällt mir, zu sehen, wie viel man aus so simplen Gegenständen machen kann!

Obwohl die Hauptstadt gross und lebendig ist, trägt sie eine gewisse Ruhe in sich. Anders als in Kenia wurde mir noch kein einziges Mal «Muzungu» hinterhergerufen, keiner dreht mir aufdringlich seine Ware an und nicht einmal bei den Mango- und Papaya-Preisen haut man mich übers Ohr. Stattdessen zeigt sich jeder hilfsbereit und aufrichtig liebenswert, wenn ich nach etwas frage. Wo ich hinsehe, werde ich angelächelt. Woher kommt nur so viel Nettigkeit? Vielleicht ist das noch meine rosarote Brille der ersten Woche, aber etwas wird wohl schon dran sein. Dass Mosambik ein ausnehmend gastfreundliches Land sei, habe ich auch schon von anderen gehört.



Zu Hause im Portugiesisch. Ich kann mir selbst nicht erklären, was es ist, aber aus welchem Grund auch immer fühle ich mich in Maputo sofort zu Hause. Vielleicht liegt es an der Melodie des Portugiesisch, die im Hintergrund immer zu hören ist. Acht Jahre ist mein Austauschjahr in Brasilien schon her und mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich diese Sprache vermisst habe. Es ist fast, als würde ein alt bekannter Teil von mir wieder zum Leben erwachen.

Die lokale Sprache zu beherrschen macht so viel aus. Wenn mich jemand anspricht, muss ich nicht jedes Mal «excuse me?» sagen, sondern kann auf Portugiesisch antworten. Ich verstehe, was die Leute um mich herum und über mich sagen und fühle mich schon am ersten Tag viel zugehöriger, als ich das in Kenia je getan habe.


Changana. Portugiesisch gehört zu den meist gesprochenen Sprachen in Mosambik, ist aber bei Weitem nicht die einzige. Über 40 Sprachen (meist mit Bantu-Ursprung) gibt es in den verschiedenen Regionen des Landes. In Maputo wird neben Portugiesisch vor allem Changanagesprochen, eng verwandt mit Tsonga. Ein paar Worte in Changana wurden mir schon beigebracht, zum Beispiel, wie man Danke sagt: «Kanimambo!».


Grund für die Reise nach Mosambik ist meine Masterarbeit. Für das Studium in International Development verlangt die Uni in Utrecht eine drei-monatige Feldrecherche im globalen Süden. Zur Unterstützung unserer Recherchen haben wir lokale Partnerorganisationen erhalten. Meine nennt sich Forum Mulher und setzt sich für Frauenrechte im ganzen Land ein. Sei es zum Thema Gewalt, Sexualität, politisches Engagement oder in anderen Bereichen. Bei meiner Arbeit geht es um Bauern-Frauen im ländlichen Norden Mosambiks. Um das Thema kurz zusammenzufassen: Wegen des fruchtbaren Bodens und den weiten unbebauten Flächen ist Mosambik heiss begehrt bei internationalen Investoren im Agrosektor. Das Projekt, das ich untersuchen werde, heisst ProSavana und baut auf einer Kooperation Brasiliens, Mosambiks und Japans auf. Ziel des Projekts ist es, traditionell bewirtschaftete Felder in industrialisierte Monokulturen umzuwandeln, um export-orientierte Güter wie Soja und Baumwolle zu produzieren. An die 14 Millionen Hektaren Land werden dafür benötigt! Weil dieses Land nicht etwa unbewohnt ist, werden unzählige Gemeinschaften umgesiedelt und mit dürftigen Kompensationen vertröstet. In meiner Recherche geht es darum, herauszufinden, welche konkreten Auswirkungen die Umsetzung der ProSavana-Projekte auf die lokale Bevölkerung hat und welche Möglichkeiten für die Bauern-Frauen bestehen, zu verhandeln und ihre Rechte zu verteidigen. Mehr dazu nach meiner Reise nach Nacala im April.


Forum Mulher. Den Monat in Maputo verbringe ich nun also hauptsächlich im Office von Forum Mulher. Mir wurde ein Zimmer eingerichtet, in dem ich arbeiten kann. Zusammen mit einer wahnsinnig dicken Dame, die einen Grossteil des Tages ihre Füsse auf den Tisch legt und diskret vor sich hindöst.

Das Forum besteht aus ca. 15 mosambikanischen Frauen, eine cooler als die andere. Koordinatorin Nzira trägt immer bunte Tücher auf dem Kopf und rennt von Meeting zu Meeting. Sekretärin Ercilia kommt jede halbe Stunde in mein Zimmer und fragt, wie es geht und bringt mir eine Banane, eine Traube oder eine Umarmung. Und zur Mittagszeit kocht die Oma Dona Florinda extra vegetarisch für mich. Zum Beispiel Matapa: ein wunderbarer Eintopf aus zerstampften Cassava-Blättern, Kokosnussmilch und Erdnüssen.


Viva o feminismo! Durchs Forum Mulher wurde mir meine Mitbewohnerin vermittelt. Marilu ist ebenfalls Mosambikanerin, hat wie ich Soziologie studiert und arbeitet nun als Frauenrechtsaktivistin und freischaffende Künstlerin. Eins ihrer Kunstwerke hängt bei uns im Wohnzimmer: ein Bild von einem jämmerlich geknickten Penis und einer Gruppe Frauen, die ihn umtanzen und dabei rufen: «Nieder mit dem Patriarchat!»

Nicht nur mit Marilu verstehe ich mich ausgezeichnet, sondern auch mit ihren Freundinnen. Schon am ersten Wochenende nehmen sie mich mit an eine brasilianische Karneval-Party. Da ist zum Beispiel die Kinderbuchautorin Eliana mit ihren Tattoos, Nasenring und Achselhaaren. Oder Daisy, die sich als «viuva negra» - eine schwarze Witwe, die sieben Ehemänner gekillt hat - verkleidet hat. Sie erzählt mir, dass sie vor ihrer Familie auf dem Land geflüchtet sei, weil diese wolle, dass sie so bald wie möglich heirate. «Das können sie sich abschreiben», meint sie. Im Gegensatz zu den ländlichen Regionen bietet ihr Maputo die Freiheit, traditionellen Rollen zu entwischen und ihre Träume zu verfolgen.

Dann sind da noch Filomena, Erica und Atija. Sie alle haben sich in einer Feministen-Verbindung kennengelernt. Zusammen organisieren sie Manifestationen, teilen Texte und halten Reden. In internationalen Foren verteidigen sie die Stimmen der Frauen im ganzen Land. Meine Mitbewohner Marilu ist erst gerade von einer Reise aus der Sahara zurückgekommen, wo sie ihre Solidarität mit den Frauen dort ausgedrückt hat. «Das Gebiet ist das einzige in ganz Afrika, das immer noch kolonialisiert wird, und zwar von Marokko», klärt sie mich auf. «Also sind wir hingereist, um an Konferenzen teilzunehmen und zu zeigen, dass wir Frauen zusammenhalten.»

Ich finde den Mut, den die Aktivistinnen aufbringen, unglaublich bemerkenswert! «Es ist nicht immer leicht», erzählen sie mir. «Unsere Anrufe werden ständig abgehört, und wenn wir gewisse Wörter benutzen, bricht die Verbindung ab.» Marilu wurde sogar schon während einiger Zeit beschattet. «Wo immer ich war, tauchte dieser Typ auf und beobachtete, was ich gerade unternahm, mit wem ich mich traf und was ich sagte», erinnert sie sich. «Ich hatte Angst. Aber ich wusste, dass es wichtig war, was ich tat.»



Nun kommen wir zu meinem Lieblingsthema: Tanzen! Mosambik ist neben Südafrika das einzige Land auf dem Kontinent, in dem regelmässig Swing getanzt wird. In Maputo gibt es eine Gruppe von professionellen Tänzern, die sich «Hodi» nennt. Letztes Jahr habe ich ein paar der Hodi-Tänzer bei einer Afro-Swing-Show in Brüssel kennengelernt. Noch bevor ich überhaupt den Flug gebucht habe, meldete ich mich bei ihnen. Sie waren so nett und haben mich zu ihren Trainings eingeladen. Zu Trommeln in allen Grössen und anderen verrückten Instrumenten wird dort getanzt, bis man halb bewusstlos umfällt. Ich kann natürlich überhaupt nicht mithalten, habe aber trotzdem unglaublich viel Spass und Freude dabei.


Barfuss-Swing. Das Beste ist, dass mich einer der Swing-Lehrer eingeladen hat, mit ihm an den Wochenenden an einer Schule Kinder zu unterrichten. Die Schule liegt in Mafalala, in einem der vielen Townships am Stadtrand. Wir tanzen auf dem Pausenplatz, ohne Musikanlage, ohne Schuhe, und ohne irgendwelche Schritte zu zählen. Alexandre zeigt etwas vor, und die Kinder machen es einfach nach. Ich kann gar nicht glauben, wie schnell sie lernen! Wenn ich an unsere Tanzkurse zu Hause denke, wo jeder Schritt eine halbe Stunde lang erklärt wird, und jeder Takt gezählt sein will... Nada a ver auf Portugiesisch, nicht zu vergleichen.

Damit man sich das Szenario vorstellen kann: Neben uns wird gerade ein Kuhfell getrocknet. Das Tier ist mit Nägeln am Boden fixiert, um die Haut zu spannen. Ein Junge rennt herum und zerdrückt mit seinen Flipflops Kakerlaken. Ein Baby sitzt am Boden, die älteren Kinder haben ihm eine viel zu grosse Sonnenbrille aufgesetzt. Und wir tanzen nebendran weiter, ohne uns von irgendetwas stören zu lassen. Abends sind meine Füsse schwarz und staubig, und ich falle glücklich und zufrieden ins Bett.



Nach den ersten zwei Wochen kommt mir Maputo vor wie ein Paradies. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Ich wohne im Stadtzentrum, in einer Wohnung mit Strom und Wasser, habe einen Job und genügend Geld, um alles zu tun, was ich möchte. Egal, was passiert, als Schweizerin bin ich abgesichert. Für den Grossteil der Bevölkerung hier sieht die Realität komplett anders aus. Wenn wir uns abends hinter der Tür verriegeln, bleiben viele draussen. Ohne Dach über dem Kopf, ohne etwas zu Essen und ohne irgendjemanden, der sich um sie sorgt. Selbst für diejenigen, die ein Zuhause haben, ist das Leben in der Stadt nicht leicht. Von ihren Schicksalen bekomme ich nichts mit. Obwohl ich bis jetzt ausschliesslich Mosambikaner kennengelernt habe, kommt es mir vor, als würde ich mich in einer Parallelschicht bewegen. Von dieser geschützten Blase aus ist Maputo wunderbar! Ich geniesse es unglaublich, hier sein zu dürfen, will aber nicht vergessen, dass es hier auch noch anderes gibt.



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