Kongo - 2 Wochen quer durch's Land

Ein kleiner (für faule Leser grosser) Bericht über die zwei Wochen, die Luki und ich zusammen im Kongo verbracht haben. Von Kinshasa bis hin zur Küste nach Moanda bereisten wir das vielseitige Land.


Samstag, 18. November – Ankunft in Kinshasa

Nur acht Flugstunden trennen Brüssel von Kongos Hauptstadt Kinshasa. Am Flughafen N‘Djili rechne ich mit dem Schlimmsten, werde aber sehr positiv überrascht. Kaum gelandet, steht mein Gepäck da und die Reise kann losgehen.

Mit der ersten Chaos-Welle wird man überflutet, sobald man den Flughafen verlässt: Der Weg zur Schweizer Botschaft führt durch eines der ärmsten und belebtesten Wohnviertel Kinshasas. Durch die gepanzerte Scheibe des Autos, in dem uns Chauffeur Claude nach Hause bringt, dringen die ersten farbigen Eindrücke. Unglaublich viele Menschen neben sowie auf der Strasse, beeindruckend voll beladene und zusammengebastelte Fahrzeuge, kleine Feuerstellen mit Essen am Strassenrand und sehr viel, sehr lautes Gehupe.

Alleine die Fahrt vom Flughafen zur Botschaft hätte wohl an Eindrücken für eine Woche gereicht, aber das ist erst der Anfang vom Anfang. Auf jeden Fall schon sehr vielversprechend für spannende zwei Wochen.


Sonntag, 19. November – Erste Eindrücke

Luki macht ein Praktikum auf der Schweizer Botschaft. Bei Tageslicht zeigt er mir das riesige Anwesen, in dem sich die Schweizer eingerichtet haben. Mit Blick auf den Fluss, Pool und Bierkühlschrank, den wunderschönen Pflanzen und dem sehr sympathischen Nachbarn - der Kongolesische Präsident Herr Kabila höchst persönlich - ist dieser Ort ziemlich beeindruckend. Die Vögel im Garten bieten ein Wahnsinnskonzert und ab zu schreien die Affen vom Garten des Präsidenten rüber. Alles in allem würde ich behaupten, hier lässt sich’s leben. Ein bisschen abschreckend ist nur das Tor mit den bewaffneten Männern. Und die Realität des Landes dahinter - die sieht wohl nicht ganz so paradiesisch aus wie dieser Garten hier.


Am Nachmittag machen wir eine erste kleine Stadttour. Zuerst durchs Diplomatenviertel Gombe, das nur durch mehrere Strassensperren erreichbar ist, und von dem aus man wunderbar nah am Fluss ist. Von unserer Seite des Flusses aus kann man rüber winken nach Kongo Brazzaville. Und man kann die Brücke betrachten, die von Kongo Brazzaville nach Kongo Brazzaville (nein, kein Schreibfehler) führt, und auf der immer noch in Leuchtschrift «happy new year 2016» steht.


Im Strassen-Restaurant «Cheetah» gibt es sehr gutes kongolesisches Essen: Chèvre und Poulet mit Pili-pili (eine Chilisauce, die mindestens zwei Mal brennt), Mayonnaise, frittierte Bananen und Kwanga, speziell fermentierter Maniok in einem Maniok-Blatt zubereitet. Der Koch hackt zwei Meter neben uns auf das Ziegenfleisch ein - die Knochen gleich mit. Interessant finde ich ausserdem «Cheetas» ausgefallene Weihnachtsdekoration (die grössten Christbaumkugeln, die ich je gesehen habe) und das Aushängeschild des Restaurants: Eine Tafel, auf der die amerikanische Freiheitsstatue und mindestens 30 amerikanische Gerichte abgebildet sind, von denen mit Sicherheit kein einziges auf der Speisekarte zu finden ist.



Montag, 20. November – Von Kinshasa zum Botanischen Garten in Kisantu und Weiterreise nach Zongo

Unsere kleine Reise beginnt am Montag Morgen. Vor der Botschaft wartet bereits unsere Truppe: Monsieur Brel, ein sehr gebildeter, liebenswerter und aufrichtiger Kongolese ist unser Guide für die nächste Woche. Monsieur Papi ist unser zum Glück sehr souveräner Fahrer (wer sich mit Autofahren im Kongo auskennt, weiss, warum ich «zum Glück» sage), und Monsieur Christoph kümmert sich um… sagen wir mal, die Unterhaltung. Zu der trägt er mit seinem Bierhütchen samt Propheten-Sticker und seiner sehr stark ausgeprägten Gestik auf jeden Fall bei.


In einem (zumindest zu Beginn der Reise) weissen Minibus, in dem zu unserer grossen Freude eine afrikanische Musikkassette nach der anderen gespielt wird, fahren wir los. Monsieur Brel erzählt uns immerzu sehr viel Spannendes, was die langen Fahrten kurzweilig macht.


Unser erster Stop ist Kisantu, Monsieur Brels Heimatort, 2 Stunden von Kinshasa entfernt. Dort befindet sich der weltweit zweitgrösste (auf die Artenvielfalt bezogen) Botanische Garten. Ein lokaler Guide führt uns durch die Pflanzenwelt und bringt uns immer wieder zum Staunen. Zum Beispiel mit dem «arbre du voyageur», der dem Reisenden versteckte Wasserreserven bietet, wenn er seine Blätter auseinander zieht. Oder mit unserem Favoriten, dem kleinen Trick der «fruit magique»: Eine rote Beere, die man ein paar Sekunden lang auf der Zunge wirken lässt und die die Geschmackswahrnehmung dann kurzfristig so verändert, dass einem alles Saure süss erscheint. Die unreife Mango, die uns vor der kleinen Wunderbeere das Gesicht hat verziehen lassen, schmeckt plötzlich so gut, dass man sich zwingen musst, nicht die Ganze zu essen!

Weniger erfreulich sind dafür das eingesperrte Krokodil und die deprimierten Affen im Käfig. Und die Kautschukpflanzen, die an grausame Zeiten erinnern - Kongos Kolonialgeschichte liegt nicht lange zurück.



Auf der Rückfahrt zu unserem Ort durchkreuzen wir zahllose kleine Dörfer. «Mundeeelee!», «Weisser» wird uns im Sekundentakt zugerufen. Alle Finger zeigen auf unseren Bus. Wir fragen uns, womit die Laute dieses Aufschreis wohl am besten zu vergleichen wären. Dem entgeisterten Gesichtsausdruck und der Lautstärke nach finden wir den Vergleich mit dem Warnschrei vor einem Erdbeben einigermassen treffend.


Nach diesem eindrücklichen ersten Halt in Kinsatu ist unser nächstes Ziel Zongo, wo wir die erste Nacht in einem Bungalow auf dem «Safar Site» verbringen.


Dienstag, 21. November – Die Zongo-Fälle

«Petit déjeuneur occidental» (Omeletten) gibt’s keine drei Meter vom Fluss entfernt, der wenig später zum tosenden Wasserfall wird. So eine Kulisse zum Frühstück hat man nicht alle Tage!

Heute gehen wir zum «plage», einem wunderbaren Ort mit mehreren Wasserfällen, die sich «Massage-Fälle» nennen. Das Highlight dieses Ausflugs ist nicht einmal die unvorstellbare Schönheit des Ortes, sondern die ungebändigte Freude unserer drei Kumpels. Wie sie uns erzählen, ist das Wasser dieser Fälle alles andere als gewöhnlich. Simon Kimbangu, der Prophet auf Monsieur Christophs Bierhütchen, hat dort nämlich einst gebadet. Durch das Bad am «plage» werden wir Glücklichen jetzt also gesegnet. Jetzt kann nichts mehr schief gehen.



Auf dem Weg zurück bekommt unser Fahrer Durst. Wir machen Halt, um in einem Dorf Palmwein zu kaufen (ja richtig, unser Fahrer). In einem Kreis aus Plastikstühlen stossen wir zusammen mit einer Runde kongolesischer Herren an. Wir bemühen uns sehr fest, so zu tun, als würde das grauenhafte Getränk keinen Brechreiz auslösen. Da wir sehr tapfere Leute sind, killen wir die Flasche.

Eine sehr nette und ausführliche Unterhaltung auf Lingala haben wir mit dem kleinen Mädchen Samuela. Meinen einzigen gelernten Satz wiederhole ich mindestens 15 Mal. Samuela sagt nichts, ist aber mit Sicherheit schwer beeindruckt. Die Herren sind ebenfalls sehr erfreut und wollen uns Samuela gleich als Geschenk mitgeben.


Zurück im «Seli Safari» sind die Zongo Fälle gleich nebenan. Mit einer unglaublichen Kraft tosen die Wasserströme in die Tiefe. Wenn man sich einige Meter davon entfernt auf die Steine stellt und inbrünstige Kampflaute ausstösst, bekommt man eine überwältigende Dusche. (Vielleicht würde man die Dusche auch ohne die Schreie bekommen, aber dann würde das Ganze sicher nicht so dramatisch wirken.)


Mittwoch, 22. November – Von Zongo nach Matadi

Weiter geht's nach Matadi am Mittwoch Morgen. Die Fahrt ist wieder extrem spannend: Durch Dörfer, verschiedenste Landschaften und an bunten Märkten vorbei. Die Art, die Hütten zu bauen verändert sich zwischen den Städten von Holz, zu Lehm, zu Stein. In den meisten Dörfern findet man richtig viele Kirchen. Nicht Kirchen, wie man sich das so vorstellt, sondern Baracken oder alte Häuser, auf denen «église» steht. In ein paar Dörfern stehen auch Moscheen. Selbst die Geschäfte tragen Namen, die auf Gott hinweisen und somit Erfolg versprechen: Coiffeur de Dieu, Jesus.com, prospérité divine,…


An den Ständen am Strassenrand wird Allerlei verkauft. Schuhe neben Maniok und Autoreifen, Handys, Stereoanlagen und Früchten. Erschreckend viel Werbung wird für Cremes gemacht, die die Haut aufhellen sollen. Wir fahren an einem Schild vorbei, auf dem in Bildern und Sätzen erklärt wird, wie Cholera verhindert werden kann.

Mangos, Bananen, Zwiebeln und Eier werden uns alle paar Meter angedreht von den Verkäufern, die ihre Ware in Plastikeimern auf den Köpfen tragen. Mit allem Möglichen und Undenkbaren wird versucht, ein Geschäft zu machen. Am Abend muss jeder ein bisschen Geld nach Hause bringen. Man tut, was man kann. Denn so sagt es das inoffizielle aber womöglich treffendste Gesetz der kongolesischen Geschichte, la «Loi 15: il faut se débrouiller!»



Etwas, das in allen Städten und Dörfern ähnlich aussieht, ist die Werbung. Viel weniger als auf Plakaten, ist sie auf die Wände der Häuser und Mauern gemalt. «Primus», das Nationalbier von «Bralima» liefert sich Propagandakämpfe mit «Skol» und verschiedenen Sorten der Brauerei «Bracongo». Eine Positionierung in einem Bier-Team scheint mindestens so wichtig zu sein wie das Fan-sein eines Fussballclubs. Luki bekennt sich mit seinem Favoriten «Tembo» offenkundig zu Bracongo und macht sich damit viele Freunde unter den harten Männern. Den zweiten Konkurrenzkampf nach den Bierbrauereien liefern sich die Telefonanbieter. Die leuchtenden «Orange»-Baracken versuchen, sich gegen die roten «Vodafones» durchzusetzen, und ab und zu meldet sich ein «Africell» dazwischen. Auf jeden Fall sehen die Ortschaften durch die bunt bemalten Häuser ein ganzes Stück fröhlicher aus.


Matadi heisst «Stein», erklärt uns Monsieur Brel. Die Hafenstadt wird so genannt, weil sie auf enormen Steinmassen aufgebaut ist. Steinblöcke für die Bauten, und andere Güter, die am Hafen von Matadi empfangen wurden, mussten ursprünglich von Trägern von Matadi bis nach Kinshasa getragen werden. 20 Tage zu Fuss, unzählige Kilometer und unvorstellbar schwere Lasten. Das ist der Grund, weshalb der «chemin de fer», die Eisenbahn von Matadi nach Kinshasa Ende des 19. Jh. gebaut wurde. Durch die neue Eisenbahn konnten die Güter viel schneller transportiert werden. «Sans le chemin de fer, le Congo ne vaut pas un Penny», hatte Stanley gesagt. Heute fährt die Eisenbahn noch einmal die Woche und dient dem Personenverkehr. Die Güter vom Hafen werden über die Autostrasse transportiert.


Am Aussichtspunkt Belvedere sieht man über die ganze Stadt. Matadi ist ein spezieller Ort! Sehr dicht bebaut mit Häusern aus Stein und wahnsinnig lebendig. Ein bisschen weniger lebendig fühlt man sich dafür, wenn man auf der Strasse einmal tief einatmet.


Abends essen wir in unserem Hotel «Métropole» auf einer Terrasse mit Pool, Musik und Hasen um die Füsse. Frittierte Bananen mit Maniokblättern für mich, und für Luki eine Antilope!


Donnerstag, 23. November – Von Matadi nach Boma

In Boma angekommen besuchen wir als erstes «Stanley’s Baobab»: Ein riesengrosser Baobab, der in der Mitte ein natürliches Loch in der Grösse eines kleinen Schlafzimmers hat. Stanley soll auf seiner Entdeckungsreise darin geschlafen haben.


Kongos erste Kathedrale befindet sich in Boma. Sie wurde vollständig aus Metall importiert, wie auch einige Kolonialhäuser. Wir besuchen das ehemalige Haus des «gouverneur général national» . Heute lebt eine kongolesische Familie darin.

Auch das erste Auto des Kongos steht in Boma. Die alte Rostkarre gehörte einst dem Deutschen Herrn Fischer.



Weil wir schon so viel Auto gefahren sind und man zu Fuss mehr sieht, fragen wir Monsieur Brel, ob wir nicht ein Stück laufen können. Begeistert ist er nicht, aber es ist in Ordnung. Nach keinen zehn Metern folgt uns ein kleiner Junge und bittet uns um Essen. Monsieur Brehl legt ihm einen Arm um die Schulter und fragt ihn, wo er herkomme. Der Junge erklärt, er sei Waise und habe Hunger. Wir geben ihm ein paar kongolesische Francs, woraufhin sich uns weitere Kinder anschliessen. «Mundele, donnez-moi de l’argent!» Bald sind wir umrundet von bettelnden Händen und haben keine Ahnung, wie wir mit dieser Situation umgehen sollen.


Nach dem langen Tag in Boma setzen wir uns in eine Flussbar zum Sonnenuntergang, trinken «sucré» (Süssgetränke) und Bier, während ein Musiker nebendran in der Endlosschlaufe vor sich hin singt: «Il faut manger, c’est la vie, c’est la vie, il faut manger.»


Freitag, 24. November – Von Boma nach Moanda

Am Freitag bin ich sehr froh, dass Luki aufwacht. Am Abend zu vor sah er nämlich nicht aus, als würde er sich in seinem Leben je wieder bewegen. Sein Abendessen hat ihn ausgeknockt. Wir rätseln immer noch, was das Tier genannt «chimbrique» genau sein könnte. Unsere Spekulationen schwanken zwischen Maulwurf, Fledermaus und anderem Suspektem.


Von Kinshasa bis nach Boma ist die Strasse einwandfrei geteert. Die wurde nämlich von den Chinesen gebaut, nach einem Abkommen in 2006, das grob gesagt den Chinesen den Abbau von Rohstoffen ermöglicht, mit der Gegenleistung von grösseren Projekten in Kongos Infrastruktur. Wie viel jede der beiden Seiten davon profitiert, ist diskutierbar. Auf jeden Fall ist die schön geteerte Strasse ab Boma zu Ende. Ab dort fährt man über ungeteerte Lehmstrassen, die wahrscheinlich einigermassen in Ordnung sind, solange es nicht regnet. Solange es nicht regnet. Natürlich regnet es unaufhörlich auf der gesamten Strecke zwischen Boma und Moanda.


Der «Banana Point» ist der erste Ort, den wir in Moanda besuchen. Es ist die Landspitze zwischen dem Fluss Congo und dem Atlantischen Ozean. Am anderen Ende des Flusses sieht man die Petrol-Anlagen von Angola. An diesem Banana Point wurden einst die ersten Verträge zum Sklavenhandel unterschrieben.


Später fahren wir an einem Dorf vorbei, in dem man noch die alten schweren Metallketten der Sklaven findet. Ein sehr gut alkoholisierter Mann mit Holzstock klärt uns darüber auf, dass wir uns im glücklichsten Dorf Afrikas befänden. Hier gibt es nämlich Strom und Wasser! «Ich will nicht mein Land verraten, denn ich bin ein wahrer Kongolese. Aber uns geht es nicht gut wegen des Präsidenten, sondern wegen des französischen Petrol-Unternehmens, das uns mit Wasser und Strom versorgt. Aber weil das Bier zu teuer ist, muss ich Whiskey trinken! Soyez les bienvenus!»


Später am Abend gehen wir in eine Bar mit unseren drei Freunden und dem Monsieur aus Moanda, der uns den ganzen Tag lang begleitet hat. Wie Luki mich schon vorgewarnt hatte, sieht kongolesischer Ausgang nicht ganz so aus, wie wir das kennen. Angeregte Gespräche scheinen eher nicht Teil des Programms zu sein. Viel mehr sitzt man dort mit seinem Bier, und dort zu sein ist alles was zählt. Im Übrigen sind Gespräche gar nicht wirklich möglich, weil die Musik selbst in den hintersten Ecken der Bar so laut ist, dass man sich kaum selber hören kann, geschweige denn die anderen.


Samstag, 25. November – Mangrovenwald in Moanda

Ein Highlight der ganzen Reise ist unbestritten der Ausflug in den Mangrovenwald. Das Naturreservat «Parc Marin des Mangroves» beschützt vom Aussterben bedrohte Tierarten und Pflanzen wie Schildkröten, Hippos und Mangroven. In einem Motorboot fahren wir über eine halbe Stunde an den Mangroven dem Fluss entlang und bestaunen die dichte Vegetation. An einem kleinen Strand zwischen den Bäumen lassen wir unser Boot stehen und machen uns in Gummistiefeln auf Erkundungstour. Tausende von Krebsen krabbeln im Sand herum.



Nach einer Wanderung durch hohe Gräser und Sträucher kommen wir an einem alten Turm an. Das war einmal ein Gefängnis, erzählt uns der Guide vom Naturschutzgebiet. Mobutu habe seine Gefangenen auf diese Insel abgeschoben. Nach kurzen Verhandlungen bekommen wir grünes Licht, um auf den Turm zu klettern. Bis nach Angola können wir sehen, und auf die alten Kriegsanlagen der Insel, die mittlerweile zerfallen und verrostet sind: Riesengrosse Kanonen und verrostete Eisenbahnlinien, die einst die Munition transportierten und einen wichtigen Stützpunkt während des zweiten Weltkriegs bedeuteten.


Als Highlight vom Highlight dürfen wir uns kurz fühlen wie Tarzan und Jane. Man kann sich nicht vorstellen, wie viel Spass es macht, auf den Ästen der Mangroven herumzuklettern!


Zurück in unserer Auberge gibt es ein letztes Mal das, was es schon die ganze Woche gegeben hatte: Frittierte Bananen und Maniokblätter. Und trotzdem bleibt mir der Dünnpfiff dieses Mal nicht erspart (no details).

Dazu kommt, dass wir nicht schlau genug waren, uns auf dem Boot einzucrèmen. Unsere krebsroten Gesichter schmerzen bei der kleinsten Mimik. Monsieur Brel, Monsieur Papi und Monsieur Christoph lachen sich halb tot.


Sonntag, 26. November – Lange Fahrt von Boma zurück nach Kinshasa

Am Abend vorher haben wir ausgemacht, am Sonntag so früh wie möglich loszufahren. Den ganzen Weg, den wir über die Woche verteilt hatten, nehmen wir uns jetzt nämlich für einen einzigen Tag vor. Um 4 Uhr morgens sollte es also losgehen. Und wir sollten ganz fest hoffen, dass es nicht regnet!

Natürlich fängt es um Punkt 3 Uhr morgens an, wie aus Kübeln zu schütten. So fest, dass es von der Decke herab zu tropfen beginnt und wir im Bett abgeregnet werden. Trotz vager Vermutungen, dass unsere Abfahrt leicht verspätet stattfinden könnte, stehen wir um Punkt 4 Uhr auf der Matte. Wir lernen nicht dazu! Vor halb 6 Uhr bewegt sich selbstverständlich überhaupt gar nichts.


Dann lässt der Regen endlich nach und wir können losfahren. Erfreut stellen wir fest, dass unsere Fahrer am Vorabend noch Fisch gekauft haben, um diesen nach Hause zu bringen. Was gibt es Schöneres, als den Tag bei 35 Grad in Begleitung eines herrlich duftenden Fisches in einem Auto zu verbringen?

Immerhin dürfen wir ab und zu aufstehen. Die Lehmstrasse bis nach Boma verdient nämlich den Titel «Strasse» nicht mehr. Viel mehr hat sie sich mittlerweile in einen Sumpf verwandelt. Immer wieder ist unsere Muskelkraft gefragt, um den elenden Bus den Hügel hinauf zu stossen. Ab und zu hilft uns jemand, den wir dann zum Dank ein paar Kilometer weit mitnehmen.



Woran es auf den Strassen definitiv nicht mangelt, sind die sogenannten «péages», die Strassensperren. Alle paar Kilometer müssen wir unsere Pässe, bzw. die Kopien zeigen und das Auto wird kontrolliert. So manch ein Fahrzeug, das nicht mehr viel von einem Auto, sondern mehr von einem überbeladenen Blechhaufen auf Rädern hat, passiert die Sperre problemlos. Unser Bus aber, womöglich eins der einwandfreisten Autos, das je über diese Strassen gerollt ist, muss bei praktisch jeder Sperre irgendeine kreativ gefundene Busse bezahlen. Das ist wohl oder übel die Mundele-Steuer: Wir sehen nach viel zu viel Geld aus.


Nach Geld gefragt wurden wir auf der ganzen Reise sicher nicht zu selten. Selbst ganz kleine Dorfkinder, die noch kaum Französisch sprachen, kannten ziemlich ausnahmslos diesen einen Satz: «Mundele, donnez-moi de l’argent!». Ganz zu schweigen von Verkäufern, Polizisten und Leuten, denen wir auf der Strasse begegneten. Aber abwegig ist das natürlich nicht. Wer ganz offensichtlich so viel mehr Geld hat, kann auch mal was hergeben. Die Entscheidung, wann man wem was gibt, ist aber ehrlichgesagt nicht eine der leichtesten. Gefragt wird immer. Monsieur Brel übersetzt uns ein Sprichwort auf Lingala: «Si tu as la honte de demander, tu vas mourir de faim.»


Kurz vor Mitternacht kommen wir endlich in Kinshasa an. Mit einer ganzen Menge Eindrücke, Bildern und einem riesen Hunger. Die Pasta schmecken so gut wie schon lange nicht mehr.


Woche 2: Montag, 27. November – Sonntag, 3. Dezember

Die zweite Woche verbringen wir in Kinshasa. Die Programmmöglichkeiten sind ein wenig eingeschränkt wegen der politisch sehr angespannten Lage: Da unser Nachbar, der Präsident, so gerne noch ein bisschen Präsident sein will, tritt der nämlich nicht ab und krümmt auch keinen Finger, um Wahlen zu organisieren. Die Protestbewegungen sind also zeitlich prima für uns abgestimmt auf den 30. November gelegt worden.


Das Leben auf der Botschaft kommt mir komisch vor. Wir bewegen uns vom Schweizer Luxus-Garten mit dem gepanzerten Auto zu Restaurants, in denen nur weisse Expats sitzen und Preise für ein Menü bezahlen, die einem kongolesischen Monatslohn gleichkommen. Die lokale Realität scheint weit, weit weg an diesen Orten. Umso dankbarer bin ich für unsere kleine Reise, deren Eindrücke uns noch lange begleiten werden.